Geschäftsführer Torsten Nick im Interview

Von Andreas Eberle / Bietigheimer Zeitung / 20.3.20

 

Im Interview mit der Bietigheimer Zeitung spricht Geschäftsführer Torsten Nick über den Abbruch der Saison sowie die sportlichen und wirtschaftlichen Folgen.

Nach dem Abbruch der Handball-Saison 2019/20 aufgrund der Corona-Krise herrscht bei den Vereinen große Unsicherheit über die Zukunft. Im BZ-Interview spricht Geschäftsführer Torsten Nick (47) über die wirtschaftlichen Folgen, Kurzarbeit bei den Spielerinnen und eine faire Lösung für die Vergabe der internationalen Startplätze.

 

Begrüßen Sie die Entscheidung der Handball-Bundesliga Frauen (HBF), die Saison abzubrechen?

Torsten Nick: Dies ist ein zweischneidiges Schwert. Die aktuelle Situation um das Corona-Virus begrüße ich überhaupt nicht. Aber im Angesicht dieser Rahmenbedingungen finde ich es für die Planungssicherheit grundlegend richtig, diese Saison abzubrechen. Die Entscheidung der HBF tragen wir als Verein mit.

In ihrer Pressemitteilung vom Mittwoch lässt die Liga die Meisterfrage für die Spielzeit 2019/20 offen – und damit auch den deutschen Starter in der Champions League. Wie sieht für Sie ein faires Szenario aus?

Das ist juristisch heikel. Hier betreten auch wir Neuland. Nach meiner Meinung darf es in diesem Jahr keinen Meister geben, und für die Startplätze in die internationalen Wettbewerbe sollte der letzte juristische Stand gelten – und das ist die Abschlusstabelle der Vorsaison. Alles andere wäre für uns nicht nachvollziehbar.

Das wird wohl Borussia Dortmund, der Spitzenreiter bis zum Saisonabbruch, anders sehen.

Das Rückspiel um die Meisterschaft hat ja schließlich nicht stattgefunden – und wir liegen nur einen Punkt hinter Dortmund. Wer will aus diesem Tabellenbild etwas Faires ablesen? Der offizielle Titel Deutscher Meister sollte aus unserer Sicht für diese Saison nicht vergeben werden.

Welche finanziellen Folgen hat das vorzeitige Saisonende für die SG?

Die sind noch nicht absehbar. Die Frage ist, wie lange die Krise dauert. Klar fehlen momentan die Zuschauereinnahmen und die Einnahmen rund um die Spieltage sowie aus der Vermarktung. Das absolute Highlight der Saison mit dem Heimspiel gegen Dortmund, bei dem wir in Ludwigsburg mit einem ausverkauften Haus gerechnet haben, fällt weg. Allein dieser Spieltag Mitte April hätte für uns etwa 50.000 Euro an Einnahmen bedeutet.

Muss die SG BBM jetzt die Gehälter der Mannschaft bis zum eigentlichen Saisonende weiterzahlen?

Es ist ein grundlegendes Dilemma, dass wir Arbeitnehmer bezahlen, die eigentlich nicht mehr arbeiten. Wir wollen unseren vertraglichen Pflichten nachkommen – sofern wir staatliche Unterstützung in Form von Kurzarbeit erhalten, in die wir die Spielerinnen und den Trainerstab nun schicken müssen. Es gibt im Moment auch keine Möglichkeit mehr, zu trainieren.

Und wie sieht es bei den Mitarbeitern der Geschäftsstelle aus?

Die Verwaltung läuft weiter, denn die muss funktionieren. Es gibt für uns derzeit genug zu tun.

Fürchten Sie durch die sich anbahnende Wirtschaftskrise Einbußen bei den Sponsorengeldern?

Ich hoffe nicht, aber es wäre blauäugig, zu sagen, das hat keinerlei Einfluss. Wenn wir relativ schnell wieder in ruhigeres Fahrwasser kommen – was ich angesichts der gegenwärtigen Situation um das Virus nicht glaube – wären die wirtschaftlichen Auswirkungen vielleicht verkraftbar. Wenn so eine Krise drei Monate dauert, hat das auch große Auswirkungen auf Wirtschaftsunternehmen und Sponsoren – und damit natürlich auch auf die Profivereine. Ich möchte mir so ein düsteres Szenario aktuell nicht ausmalen. Bei uns hängt vieles an unserem engen Partner und Hauptsponsor Olymp.

Haben Sie von Olymp und Seniorchef Eberhard Bezner schon Signale bekommen, ob sich die Corona-Krise auch auf die Unterstützung für die Handballerinnen auswirken könnte?

Keine negativen. Darüber werden definitiv noch offene und konstruktive Gespräche geführt. Bei Olymp gibt es aktuell sicher dringlichere Themen.

Rechnen Sie im Zuge von Corona mit Vereinspleiten im Frauenhandball?

Ich hoffe nicht. Da ich wirtschaftlich durch meine Ausbildung zum Betriebswirt geprägt bin, bin ich hierbei Realist: Ich vermute ja, wenn die Krise länger andauert.

Was geschieht mit den Fans, die eine Dauerkarte haben, jetzt aber durch die Absage der Saison drei schon bezahlte Heimspiele verpassen?

Ein Teil der Fans wird den Verein in dieser schwierigen Zeit unterstützen und kein großes Fass aufmachen. Sollte es zu Rückforderungen kommen, werden wir den rechtlichen Rahmen einhalten und eine Rückerstattung, Kompensationen für die nächste Saison oder eine noch zu diskutierende andere kreative Variante in Betracht ziehen. Wir sind bestrebt, gemeinsam mit unseren Fans eine für beide Seiten zufriedenstellende Lösung zu finden. An diesem Punkt sind wir noch nicht. Zurzeit gibt es erst einmal Dringlicheres zu bearbeiten.

Ihre Prognose: Wann wird der Trainings- und Spielbetrieb für die neue Runde wieder aufgenommen?

Ich bin kein Virologe. Es gibt mehrere Szenarien. Sollte sich die Pandemie abmildern, könnte man wahrscheinlich pünktlich oder mit einer kleinen Verzögerung in die neue Saison starten – das wäre aus meiner Sicht wünschenswert. Dass bereits im Juli mit der Vorbereitung gestartet werden kann, würde ich derzeit aber mit einem großen Fragezeichen versehen.

Wie halten sich die Handballerinnen aktuell fit?

Es gibt von uns keine Trainingspläne. Die Spielerinnen halten sich individuell fit.

Haben Sie eine Idee für eine angemessene Verabschiedung der Spielerinnen, die den Verein verlassen?

Grundlegend finde ich es extrem schade, die Saison auf diese Art und Weise beenden zu müssen. Wir werden uns von Vereinsseite etwas einfallen lassen. Ich wage es allerdings zu bezweifeln, dass das aktuelle Team nochmals in dieser Form zusammenkommt, beispielsweise im August. Insbesondere vor dem Hintergrund, weil wir nicht abschätzen können, wann wieder größere Veranstaltungen erlaubt sind. Eine denkbare Option wäre, den aktuellen Kader in einer Sonderveröffentlichung noch mal zu Wort kommen zu lassen. Das werden wir intern noch ausloten.

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